Trinkwasser-Desinfektion ist eine stumpfe Waffe!

Der Einsatz von Desinfektionsmitteln gegen Viren und Bakterien wird aktuell nicht nur auf der politischen (amerikanischen) Ebene diskutiert beziehungsweise belächelt. Auch in punkto Trinkwasserhygiene überlegen derzeit immer mehr Experten, ob es sinnvoll ist, den Bakterien in Trinkwasser-Installationen mit Desinfektions­maßnahmen den Kampf anzusagen. Doch dies könnte fatale Folgen haben…

Die Ausweitung der Trinkwasserbeprobung gewerblich genutzter Anlagen weist nach, was viele Forscher schon lange vermuten: Verkeimte Trinkwasser-Installationen in einem gesundheitsgefährdenden Ausmaß sind keine Seltenheit. Insbesondere Legionellen stellen eine reale Gesundheitsgefahr dar. Daher wird die prophylaktische und nachträgliche chemische Desinfektion wieder häufiger diskutiert. Für einen langfristigen Erfolg gegen Bakterien im Trinkwasser ist die Desinfektion jedoch eine stumpfe Waffe.

Die hohen Anforderungen der Trinkwasserverordnung an die Trinkwassergüte grenzt die Anwendung von Desinfektionsmaßnahmen stark ein.
Quelle: Viega
Die hohen Anforderungen der Trinkwasserverordnung an die Trinkwassergüte grenzt die Anwendung von Desinfektionsmaßnahmen stark ein.

Auch die „Energiespar-Idee“, bei kontinuierlicher Trinkwasserdesinfektion die Warmwassertemperatur im System abzusenken, ist weder effektiv noch gemäß dem Minimierungsgebot der Trinkwasserverordnung (TrinkwV §6 Abs. 3) gestattet. Desinfektionsmaßnahmen sind generell nur in engen Grenzen erlaubt und an zahlreiche Bedingungen geknüpft.

Im Rahmen der Capnetz-Studie im Jahr 2008 |1 ermittelten die Wissenschaftler für Deutschland jährlich 15.000 bis 30.000 Krankheitsfälle durch Legionellen. Die Mortalität lag schätzungsweise bei 1.500 bis 2.000. Welchen Anteil daran verkeimte Trinkwasser-Installationen als Infektionsort haben, ist allerdings nicht mit letzter Sicherheit zu ermitteln. Hier lässt jedoch eine Statusanalyse aufhorchen, die der Arbeitskreis Trinkwasseranalytik der Firmen im Gas- und Wasserfach (figawa) schon zum zweiten Mal in Auftrag gab.

Für die erste Statusanalyse 2015 wurden über eine Million Datensätze von Probenahmen aller Gebäudearten, bereitgestellt von fünf deutschen Trinkwasserkontrolldienstleistern vom Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit (ihph) der Universität Bonn ausgewertet. Die Untersuchung ergab, dass in dem Betrachtungszeitraum von 2012 bis 2015 etwa jedes dritte Gebäude mindestens einmal einen positiven Legionellenbefund zeigte. In rund jedem sechsten Gebäude wurde eine Überschreitung des technischen Maßnahmenwertes festgestellt |2. Eine erneute Statusanalyse auf Grundlage einer besseren Datenqualität, die das ihph 2018 präsentierte, ergab ein ähnliches Bild.

Die Auswertung der Probenahmen bestätigen also belastbar, dass der Erhalt der Trinkwassergüte eine ernste Herausforderung darstellt. Daher werden inzwischen auch Stimmen laut, die die chemische Desinfektion als Lösungsweg gegen Mikroorganismen im Trinkwasser vorschlagen. Allerdings ist ein solcher Weg weder nachhaltig noch erfolgreich und nur in begründeten Ausnahmefällen mit der Trinkwasserverordnung (TrinkwV) in Übereinstimmung |3.

Desinfektion ist keine nachhaltige Lösung

Im speziellen Fall einer kontinuierlichen Zugabe von chemischen Desinfektionsmitteln muss diese im Einklang mit der TrinkwV und mit Genehmigung des Gesundheitsamtes erfolgen. Nach derzeitigem Kenntnisstand werden Legionellen aber dadurch nicht ausreichend beseitigt. Eine permanente Desinfektion mit Chemikalien ist demnach nicht zweckmäßig |4. Außerdem erhöhen alle nach § 11 der TrinkwV |3, 5 zugelassenen chemischen Desinfektionsmittel aufgrund ihrer stark oxidierenden Eigenschaften die Korrosionswahrscheinlichkeit |6.

Der durch den Desinfektionsstress bei vielen Bakterien erzeugte VBNC-Zustand (viable but nonculturable; lebend, aber nicht kultivierbar) kann zu einer Unterschätzung der Anwesenheit von hygienisch relevanten Mikroorganismen und zu einer Überschätzung der Effektivität von Desinfektions- und ähnlichen Sanierungsmaßnahmen führen. Durch den Eintritt in den VBNC-Zustand lassen sich hygienisch relevante Mikroorganismen nicht mehr mit den dafür standardisierten Kulturmethoden nachweisen. Da VBNC-Zellen dadurch gekennzeichnet sind, dass sie immer noch Anzeichen von Vitalität zeigen, sind sie nicht als irreversibel inaktiviert anzusehen. Eine Rückkehr in den kultivierbaren und auch infektiösen Zustand kann somit nicht ausgeschlossen werden, obwohl sie in der Trinkwasserprobe nicht festgestellt wurden |7.

Samstag, 11.07.2020

Von Christian Schauer
Leiter des Kompetenzzentrums Trinkwasser bei Viega