Wegweisendes Leben, Arbeiten und Forschen in Heidelberg-Bahnstadt

Selbst die Feuerwache hat Passivhaus-Standard

Energieeffizient und wirtschaftlich zugleich: Mit der Bahnstadt in Heidelberg entsteht ein komplett neuer Stadtteil nach Passivhaus-Standard für 12.000 Menschen. Halten Passivhäuser, was sie versprechen? Ein erstes Energie-Monitoring inklusive Bewohnerbefragung gibt Antworten.

Zwei Kilometer von der romantischen
Altstadt Heidelbergs entfernt
entsteht das weltweit größte Passivhaus-
Areal auf dem Gelände des
ehemaligen Rangierbahnhofs –
die Bahnstadt.
Quelle: Kay Sommer
Zwei Kilometer von der romantischen Altstadt Heidelbergs entfernt entsteht das weltweit größte Passivhaus- Areal auf dem Gelände des ehemaligen Rangierbahnhofs – die Bahnstadt.

Heidelberg realisiert derzeit ein geradezu futuristisch anmutendes städtebauliches Projekt: Auf der Brache eines stillgelegten Rangierbahnhofs entsteht seit 2007 der neue Stadtteil Bahnstadt mit dem weltweit größten Passivhaus-Areal. In der Bahnstadt werden künftig rund 12.000 Menschen leben, arbeiten und forschen.

Das entspricht zum einen alter Heidelberger Tradition. Seit Jahrhunderten sind in der Stadt mit der ältesten Universität im heutigen Deutschland Wissenschaft, Gewerbe, Wohnen und Kultur eng mitei-nander verbunden.

Zum anderen ist das innovative Energiekonzept zukunftsweisend. Bedingung der Heidelberger Stadtväter für die städtebauliche Entwicklung des Gebietes war, dass wirklich alle Wohn- und Nichtwohngebäude des 116 Hektar großen Areals im energieeffizienten Passivhaus-Standard errichtet werden müssen.

Die mit einer dicken Dämmschicht
ausgestatteten „monotonen“
Fassaden sind nicht
nach jedermanns Geschmack.
Quelle: Steffen Diemer
Die mit einer dicken Dämmschicht ausgestatteten „monotonen“ Fassaden sind nicht nach jedermanns Geschmack.

Regenerative und regionale Energieversorgung

„Mittelfristig wird die Versorgung mit Wärme zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien gesichert. Das Energiekonzept der Bahnstadt kombiniert damit Effizienz und erneuerbare Energien – die beiden Hebel zum Klimaschutz – in beispielhafter Weise“, heißt es im von der Stadt für Investoren, Bauherren und Anlieger aufgelegten „Leitfaden Qualitätsbausteine“.

Heidelberg verfolgt im Rahmen seiner Energiekonzeption 2020 das ehrgeizige Ziel, 30 bis 40 Prozent des Stroms vor Ort durch die Stadtwerke selbst zu produzieren. Zentraler Baustein dabei ist ein seit vier Jahren Energie produzierendes, für 20 Millionen Euro neu gebautes Holz-Heizkraftwerk im benachbarten Stadtteil Pfaffengrund. Mit einer Leistung von drei Megawatt elektrischer und 10,5 Megawatt thermischer Energie versorgt es den neuen Stadtteil Bahnstadt nahezu klimaneutral mit Fernwärme und Strom. Grünschnitt, Äste und Zweige aus Betrieben der Land- und Forstwirtschaft, Schnittgut von öffentlichen Straßen und Wegen und sogenanntes Waldrestholz, alles möglichst aus der Stadt und der näheren Umgebung, dienen als Brennstoff.

Prima (Mikro-)Klima durch
ein Versickerungskonzept, das die
Hälfte des Niederschlagwassers
auf dem Areal zurückhält.
Quelle: Steffen Diemer
Prima (Mikro-)Klima durch ein Versickerungskonzept, das die Hälfte des Niederschlagwassers auf dem Areal zurückhält.

Halten Passivhäuser, was sie versprechen?

2012 bezogen die ersten Bewohner ihre neuen Domizile in der Bahnstadt. Jetzt wurde per Energie-Monitoring erstmals überprüft, ob die Passiv-Wohnhäuser halten, was sie versprechen.

Dafür wurden die Verbrauchswerte für Warmwasser und Heizwärme sowie die Verteil- und Speicherverluste von rund 1.400 Wohneinheiten, darunter 563 Studentenwohnungen, mit 90.000 Quadratmetern in den Jahren 2014 und 2015 per flächendeckendem Smart-Metering gründlich untersucht und ausgewertet. Die komplette Bahnstadt wurde dafür von vornherein mit modernster Mess­technik ausgestattet.

„Mit diesen intelligenten Zählern gewinnen die Nutzer neue Erkenntnisse über ihren Energieverbrauch. Darüber hinaus schaffen die Smart Meter die technische Basis, um intelligente Techniken für ein Smart Home, für neue Sicherheitssysteme sowie für altersgerechtes Wohnen zu nutzen“, heißt es im Leitfaden.

Das Passivhaus Institut in Darmstadt führte das Energie-Monitoring im Auftrag der Stadt Heidelberg durch. Gemeinsam präsentierten Stadt und Institut jetzt die Ergebnisse. Das wichtigste: Der gesamte Wärmeenergieverbrauch beläuft sich in der Bahnstadt nur auf ein Drittel im Vergleich zu üblichen Mehrfamilienhäusern. Der Verbrauch an Heizwärme ist äußerst niedrig: Er liegt mit 15 bis 16 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr bei einem Achtel dessen, was durchschnittlich im Bestand „verheizt“ werde, betont das Institut. Zudem werde der (deutsche) Passivhausstandard von 15 kWh/(m2/a) annähernd erfüllt. Die für Passivhäuser typische Aufteilung der Primär-Wärmeenergie zeigte sich auch in Bahnstadt: ein Drittel Heizenergie, ein Drittel Warmwasserbedarf und ein Drittel Verlust.

Dienstag, 20.06.2017