Uni-Titel für die telefonierende Milchkanne, oder so…

Mal Hand aufs Herz, kennen Sie Anja Karliczek? Nein, auch nicht? Dann sind Sie in bester Gesellschaft, denn die 47jährige Diplom-Kauffrau ist zwar schon seit einem halben Jahr als Ministerin für Bildung und Forschung Mitglied in der kollaborierenden (oder heißt das: kollabierenden?) Bundesregierung, fliegt aber bisher bemerkenswert tief unter dem öffentlichen Tätigkeitsradar. Bis jetzt.

Bis jetzt!! Denn jetzt hat sie im Interview mit der Tageszeitung „Die Zeit“ so griffige Begriffe wie „Volksnähe“ und „Fachkräftemangel“ und „universitärer Elfenbeinturm“ und „Anerkennung“ und „Was-weiß-ich-nicht-noch“ wohl erst durch den eigenen geistigen Wolf gedreht und dann in einer absolut heißen Idee zusammengefasst: Der Handwerksmeister soll beruflich künftig nicht mehr Handwerksmeister sein, sondern „Berufsbachelor“.

Also „Bätschelaaah“, wie man es Trash-TV geschult richtig prononciert. Und zwar, weil (Zitat) „die meisten Ausbildungen heutzutage komplex sind, das hat nur wenig zu tun mit den alten Lehrberufen, wie wir sie noch im Kopf haben. Und bei den Abschlüssen der höher qualifizierenden Berufsbildung sind die Anforderungen hoch. Wenn wir es mit der Gleichwertigkeit ernst meinen, dann sollten das die Bezeichnungen abbilden.“ (Zitat Ende) Da freut sich der gestandene SHK-Meister bestimmt, über so viel Namenskosmetik. Also genau der Handwerksmeister, der mir auf nahezu jeder Baustelle begegnet und der dann mit breiter Brust stolz auf sein mit den eigenen Händen geschaffenes Werk verweist.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (11. v. li.) aus dem Tecklenburger Land ist volksnah. Hier liest sie 16 Schülerinnen und Schülern aus Lichtenberg Märchen vor, im Rahmen der bestimmt populären Veranstaltungsreihe „Politiker erzählen Märchen“ (Anm. d. Red.: Die heißt wirklich so!!!). Nach der Märchenstunde durften die Kinder Fragen stellen – über das Leben und die Arbeit der Ministerin, schreibt das Ministerium auf seiner Homepage (www.bmbf.de). Nicht vermeldet ist, ob dabei auch über 5G-Milchkannen mit Bachelor-Meisterbrief gesprochen wurde…
Quelle: Screenshot Martin
Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (11. v. li.) aus dem Tecklenburger Land ist volksnah. Hier liest sie 16 Schülerinnen und Schülern aus Lichtenberg Märchen vor, im Rahmen der bestimmt populären Veranstaltungsreihe „Politiker erzählen Märchen“ (Anm. d. Red.: Die heißt wirklich so!!!). Nach der Märchenstunde durften die Kinder Fragen stellen – über das Leben und die Arbeit der Ministerin, schreibt das Ministerium auf seiner Homepage (www.bmbf.de). Nicht vermeldet ist, ob dabei auch über 5G-Milchkannen mit Bachelor-Meisterbrief gesprochen wurde…

Ihn jetzt nominell in einen Topf zu werfen mit akademischen Abschlüssen, die auf einer ganz anderen, aber deswegen nicht automatisch höheren Ebene liegen – das hat meines Erachtens jedoch nichts mit Anerkennung seiner Leistung bzw. seiner (Aus)Bildung zu tun, sondern ist die völlig realitätsferne und bezugsfreie pauschale Überhöhung universitärer Abschlüsse im augenscheinlich extrem verengten Weltbild einer im neuen Job wohl noch etwas arg unerfahrenen (oder überforderten) Ministerin…

Mal völlig unabhängig von der naheliegenden semantischen Frage, was „Berufsbachelor“ eigentlich sind. Denn die Leere einer Worthülse erkennt man bekanntlich am Leichtesten in der Umkehrung: Die „Bachelor“ bekannter Prägung mit universitärem Abschluss sind demnach berufsfrei. Im Ergebnis aber wird sich hier krampfhaft an eine angebliche „internationale Vergleichbarkeit von Bildungsabschlüssen“ herangewanzt, die schon vor einigen Jahren bei der Abschaffung des Dipl.-Ing. nicht funktioniert hat. Dass dieser Titel als Qualitätsausweis heute schmerzlich vermisst wird, sei´s drum, auf Ministeriumsebene spielt das wohl keine Rolle.

Vermessene Welt

Aber was soll es – mit solchen Feinheiten muss sich die verantwortliche Ministerin für einen 18 Milliarden-Etat (pro Jahr!) ja nun wirklich nicht aufhalten. Stattdessen hat Anja Karliczek lieber das große Ganze im Blick, wenn es um Bildung und Forschung geht. Also das ganz Große und das ganz Ganze – bis hin zur Vermessung unserer modernen Bachelor-Welt, als es beispielsweise ein paar Tage zuvor in der „Wirtschaftswoche“ um die schnelle Mobilfunkversorgung in unserer Republik ging. Noch ein Zitat: „5G ist nicht an jeder Milchkanne notwendig“.

Nö, wirklich nicht. Der „Berufsbachelor“ aus dem Ammergau, dem Vorderharz oder von der Schwäbischen Alb braucht ja definitiv kein schnelles 5G, wenn er das volldigitalisierte Smart Home ausstattet. Da tun es bestimmt auch 3G, oder Trommeln. Und dann soll er sich mal nicht so aufregen über die paar Funklöcher, nur weil die sein Tagesgeschäft ungebührlich erschweren. Wo er doch schon so einen schönen neuen akademischen Titel auf seine Handwerker-Visitenkarte bekommen kann…!

Montag, 03.12.2018

Von Eckhard Martin
Chefredaktion SanitärJournal