Trinkwasserhygiene

Diskussion um den Kunststoff PE-X für Trinkwasser-Installationsrohr

Donnerstag, 04.08.2016

Wenn es um den Erhalt der Trinkwasserhygiene und die dafür optimalen Installationsrohre geht, dann verstehen hierzulande weder die Hüter der Normen und Regelwerke noch die Verbraucher, in deren Vertretung: die Gesundheitsämter, Spaß. Da kommt es in der Branche für alle richtig gut, wenn zusätzlich einzelne Hersteller von Kunststoffen für Installationsrohre respektive deren vorgelagerte Zulieferer gegen die Wettbewerbsfraktionen schießen…

Es geht um den idealen Werkstoff für Installationsrohre. Und die Rede ist hier nicht von Metall gegen Kunststoff. Oder von Kupfer gegen Edelstahl. Sondern: Von PE-X-Rohr gegen PE-X-Rohr. Mit der Nuancierung auf dem Detail, dem nachgestellten kleinen Buchstaben. Hier: dem „x“, dem man in Trinkwasser-Installationen tunlichst kein „a“ vorziehen solle, heißt es. Vom „b“ ist zwar nur am Rande die Rede, doch die semantische Sippenhaft greift ganz subtil… Ist unbedenklich steigerungsfähig?

Zurück auf Anfang und auf den Hintergrund der Geschichte:

Ein „spezialisierter Anbieter und Hidden-Champion auf dem Gebiet der Kunststoffveredelung durch Strahlenvernetzung sowie der Strahlensterilisation“ informierte jüngst für die Rubrik „Experten empfehlen“, warum „PE-Xc Trinkwasser-Installationsrohre absolut unbedenklich“ seien. Das sie dies nicht sind, war zwar selbst den Kundigeren unter uns nicht wirklich präsent – schließlich gibt es genügend Zulassungsverfahren und DVGW-Siegel, bevor so ein Installationsrohr in die Trinkwasser-Installation darf. Aber sei´s drum.

Dem geneigten Hersteller besagter PE-Xc-Installationsrohre war es nun mal ein Bedürfnis, die zwar nicht inkriminierten, jetzt aber thematisierten Rohrwerkstoffe zu verteidigen – und zwar speziell über die Ausdifferenzierung gegenüber PE-Xa: „PE-Xa sowie PE-Xb werden durch chemische Verfahren hergestellt. PE-Xc-Installationsrohre werden dagegen auf rein physikalischem Weg durch beschleunigte Elektronen vernetzt.

PE-Xb wird beispielsweise in einem zweistufigen Verfahren vernetzt: Wie das Wissensportal des Kunststoffrohrverbands (KRV) ausführt, wird das Polyethylen in einem ersten Schritt mit mehreren Chemikalien wie Vinyltrialkoxysilanen, organischen Peroxiden und weiteren Substanzen modifiziert. In einem zweiten Schritt wird das fertige Installationsrohr unter Einwirkung von Temperatur, Druck, Feuchtigkeit und zinnorganischen Verbindungen, wie zum Beispiel Dioctylzinndilaurat (DOTL), als Katalysator vernetzt.

Das Mehrschichtverbundrohr mit PE-Außenmantel, Sauerstoffsperrschicht, Aluminiumschicht und dem druckstabilen PE-Xa-Inliner von Rehau.
Quelle: Rehau
Trinkwasser-Installationsrohr aus Kunststoff: Im Mehrschichtverbundrohr die wasserberührte Komponente - der PE-Xa-Inliner von Rehau.

Insbesondere für Letztere gelten aufgrund ihrer immunschädlichen Wirkungen bereits umfangreiche Beschränkungen für den Einsatz in Verbraucherprodukten seitens der Europäischen Kommission und des Umwelt-Bundesamtes (UBA). Ebenfalls hinterlassen organische Peroxide, die bei der Vernetzung von PE-Xa-Installationsrohren verwendet werden, Rückstände – wie zum Beispiel Methyltert-Butylether (MTBE). Bei beiden chemischen Verfahren ist daher eine aufwändige Nachreinigung der Installationsrohre erforderlich, da es sonst zu einer Kontamination des Trinkwassers mit Rückständen aus der Vernetzungsreaktion kommen kann.“

Wir haben also gelernt:

Während bei dem einen Werkstoff „rein physikalisch“ gearbeitet wird, kommen bei dem anderen „mehrere Chemikalien“ zum Einsatz, die teilweise „immunschädliche Wirkung“ haben und für die es bereits „umfangreiche Beschränkungen für den Einsatz in Verbraucherprodukten“ gibt.

Und weiter heißt es: „PE-Xc Installationsrohre werden hingegen auf physikalischem Wege mit beschleunigten Elektronen und ohne den Einsatz von Chemikalien vernetzt. Der Einsatz dieser Installationsrohre ist für Trinkwasserleitungen in Gebäuden unbedenklich und für die Verbraucher absolut sicher.“ Den implizierten Rückschluss, was dann eben in der Trinkwasser-Installation nicht sicher ist, zieht an dieser Stelle jeder selber…

Eher die Einzelmeinung?

Die Redaktion hat nicht nachrecherchiert, wie viel „hidden“ und wie viel „Champion“ der Mittelständler in seinem Geschäftsfeld mit beschleunigten Elektronen zur Kunststoffveredelung durch Strahlenvernetzung tatsächlich ist. Sondern sich vielmehr gefragt, inwieweit hier Marketinggeklingel und behauptete Produktunterschiede nur dazu dienen sollen, langjährig im Markt etablierte „Wettbewerbs“werkstoffe und -Rohrleitungssysteme auf eine ziemlich unangenehme Weise herabzusetzen?

Die Grafik zeigt einen Ausschnitt der
Quelle: Viega
Der zwar "inkriminierte", aber für Trinkwasser zugelassene Kunststoff PE-Xa für Installationsrohre.

Schauen wir dazu einfach mal in die allgemein anerkannte „Anwendungstechnik Hausanschluss- und Versorgungssysteme“ (hier: Passage zu Trinkwasser-Installationen) von Systemanbieter Viega. Dort werden die PE-X-Rohre als „bevorzugte Materialien für Hausanschlussleitungen“ aufgeführt – und zwar ohne jeden erweiternden kleinbuchstablichen Zusatz. Im Kapitel „Anwendungsbereiche“ findet sich zudem explizit der Hinweis, dass PE-Xa-Rohre „für alle Trinkwasser nach TrinkwV … nach W 400-2 und W 404“ (Anm. d. Red.: also zwei DVGW-Arbeitsblätter) zugelassen sind.

Rehau, breit aufgestellter Anbieter von Rohrleitungssystemen für Heizung und Sanitär, hat ebenfalls keine „Berührungsängste“ mit dem Werkstoff, der als Inliner im Mehrschichtverbundrohr (siehe Grafik) zur Anwendung kommt. Der Hersteller bewirbt sein „Rautitan“-Programm unter anderem mit den Argumenten „einwandfreie Hygiene, dauerhafte Zuverlässigkeit und einfache Montage: Das Rautitan-System überzeugt weltweit bei Trinkwasser-Installationen.“

Auf Nachfrage heißt es dann ganz konkret und eindeutig unzweideutig:

„Installationsrohre aus PE-Xa beziehungsweise Inliner aus PE-Xa werden im Hausinstallationssystem ‚Rautitan‘ von Rehau weltweit für Trinkwasser-Installationen verkauft. In Deutschland werden beispielsweise die Installationsrohre ‚Rautitan flex‘ (PE-Xa) und ‚Rautitan stabil‘ (MKV-Installationsrohr mit PE-Xa-Inliner) für die Trinkwasser-Installation innerhalb von Gebäuden angeboten. … Auch innerhalb der Hausinstallation werden Rohre aus PE-Xa (z.B. ‚Rautitan flex‘) für die Trinkwasser-Installation eingesetzt.“

Unterscheidungen nach PWC und PWH werden dabei im Übrigen nicht gemacht: „Die Universal-Installationsrohre ‚Rautitan flex + stabil‘ eignen sich generell für Kalt- und Warmwasser innerhalb von Trinkwasser-Installationen und darüber hinaus ebenfalls für Heizungsinstallationen. Weitere Informationen können bei Bedarf unserer aktuellen deutschen Technischen Information zu dem System entnommen werden:

Technische Information Rautitan (PDF, )

Geberit, wahrlich auch kein unbedarfter Newcomer, wenn es um hygienegerechte Trinkwasser-Installationen und qualifizierte Antworten dazu geht, positioniert sein Verbundrohrsystem Mepla ebenfalls absolut zweifelsfrei: Mepla lässt sich ohne vorherige Analyse des Trinkwassers für alle Trinkwasserqualitäten nach den Vorgaben der aktuell gültigen Trinkwasserverordnung (TrinkwV 2001) einsetzen.“ Und das Rohr hat – richtig! – einen PE-Xb-Inliner: „Die innere Schicht aus vernetztem Polyethylen (PE-Xb) ist korrosionsbeständig und lebensmittelecht.“

Das Trinkwasser-Installationsrohr-System Mepla von Geberit mit dem Inliner aus PE-Xb.
Quelle: Geberit
Vieltausendfach wird das Installationsrohr-System Mepla von Geberit mit seinem PE-Xb-Inliner Jahr für Jahr in hygienebewusst angelegten Trinkwasser-Installationen eingesetzt.

Sinnvoller: mehr Ruhe

Die Liste ließe sich, zweifellos, noch deutlich verlängern. Aber als Beispiel, wie wenig zielführend eine Ausdifferenzierung dieses Werkstoffs ins „ganz kleine Karo“ ist, dürfte sie schon mehr als ausreichen. Und für die Meinungsbildung, ob die Branche über die Werkstoffdiskussion, die allein schon die UBA-Positivliste in den vergangenen Monaten ausgelöst hat, aktuell noch mehr Verunsicherung rund um Werkstoffe in Kontakt mit Trinkwasser braucht? Oder ob nicht – im Sinne des seriös ausschreibenden Fachplaners, des qualifiziert verarbeitenden Fachhandwerks und des Verbrauchers, der auf die DVGW-geprüfte Langzeitqualität der eingesetzten Installationskomponenten vertraut – nicht eher ein wenig mehr besonnene Ruhe an der Werkstoff-Front angesagt wäre?

Von Eckhard Martin
Chefredaktion SanitärJournal

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