KISS? Ganz so einfach ist die Welt dann doch nicht

Apple ist mit fast 600 Mrd. US-Dollar das wertvollste Unternehmen der Welt (Quelle: Statista; April 2016). 2016 verbuchte der Technologiekonzern alle drei Monate Quartalsgewinne um jeweils etwa 18 Mrd. US-Dollar. Ich mag Apple trotzdem nicht.

Der Grund liegt paradoxerweise genau in dem Erfolgsfaktor, der die Hightech-Schmiede groß gemacht hat: In der unglaublichen Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge extrem nutzerfreundlich zu vereinfachen. Für die Anwender ist das toll.

Aber es hat auch zu einem nicht mehr reflektierten (reflektierbaren?) Bewusstseinswandel in weiten Bevölkerungsschichten geführt: Das mit der Vereinfachung etablierte KISS-Prinzip (ursprünglich: Keep it straight and simple; mittlerweile noch einfacher: Keep it simple stupid) hat dafür gesorgt dass viele (technische) Funktionsmechanismen schlichtweg nicht mehr hinterfragt werden. Das Auto? Läuft mit dem Umdrehen des Schlüssels. Das Internet? Ist einfach so und eigentlich überall in der Luft. Die wandhängende Gas-Brennwerttherme? Macht warm, wenn ich den Regler am Heizkörper drehe. Zusammengefasst: Das Ich gibt die Initialzündung, das Es bedient die Erwartungshaltung, und der Weg dazwischen ist eine Black Box.

Schornsteinfeger, Heizungsbauer, Automechaniker, die Pannenhelfer des ADAC, sie alle können ein täglich Lied davon singen, wie abgründig tief eine solche Black Box im Einzelfall sei kann. Was insofern unproblematisch wäre, wenn sich die daraus resultierende konsumtive Grundhaltung – psychologisch durchaus erklärbar – nicht in einem unreflektierten Automatismus auf jene Lebensbereiche übertragen würde, die aufgrund ihrer Mehrdimensionalität den Geist des (digitalen) Simplicissimus bei weitem nicht so einfach und so umfassend ertragen können.

Die integrale, datenbasierte Planung nach BIM (Building Information Modeling) ist ein prototypisches Beispiel dafür: Mit den parametrischen Daten zur Arbeit im digitalen Gebäudemodell werden gewachsene Strukturen des arbeitsteiligen Handwerkens aufgelöst. Gleichzeitig werden im Arbeitsprozess Schnittstellen aufgelöst, die als Übergabepunkte bislang eine Ankerfunktion haben. Außerdem nimmt der identifikationsstiftende Part „meiner Planung“ im digitalen BIM-Realisierungskollektiv deutlich ab.

Fazit: Auf dem Papier ist der Evolutionsschritt zur gemeinsamen Planung nach BIM einfach, in der öffentlichkeitswirksamen Präsentation wird es (gerne von Behörden) auch genauso einfach dargestellt – bis der alltagsreale Praxiswahnsinn und seine vielen kleinen Hindernisse die bunten Wunschbildchen brutal einholen…

Die Gründe dafür sind vielschichtig, und nur allzu menschlich. Egoismen gehören dazu, nicht geübte Kooperationsbilder, aber auch technischen Schnittstellenprobleme beispielsweise bei der eingesetzten Software oder schon vorher bei den dafür notwendigen Stammdaten. Die Vision der grenzenlosen Freiheit im kollaborativen Miteinander des Planens und Bauens hat dadurch in den vergangenen Monaten Risse bekommen. Was – jetzt schließt sich der Kreis – angesichts der Komplexität des Themas eigentlich nicht verwundert, aber die beschrieben niedrigschwellige Frustrationstoleranzgrenze des KISS-geneigten Publikums doch erheblich überschreitet…

Insofern werden die kommenden Jahre mehr als spannend. Denn hier auf dem Bau vollzieht sich ein Kulturwandel, der tief eingefahrene Denk- und Verhaltensschemata infrage stellen und damit weit über den originären Wirkkreis BIM hinaus abstrahlen wird.

(Das vollständige Essay hinter diesem Blog-Beitrag lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der SonderEdition Integrale Planung aus dem HeizungsJournal Verlag)

Kollaboration auf dem Bau oder Kollaps: BIM wird mit der integralen Planung die Welt komplett verändern. Nur „einfach“ wird das nicht!
Quelle: Data Design Systems
Kollaboration auf dem Bau oder Kollaps: BIM wird mit der integralen Planung die Welt komplett verändern. Nur „einfach“ wird das nicht!

Dienstag, 30.05.2017

Von Eckhard Martin
Chefredaktion SanitärJournal