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Energieeffizienz und Digitalisierung als prägende Faktoren

Den Wasserhahn zu öffnen und fließend sauberes Trinkwasser zu erhalten, ist für viele von uns eine Selbst­verständlichkeit. Doch die Sicherstellung von hygienisch einwandfreiem Trinkwasser ist selbst in hochentwickelten Industrieländern immer noch eine Herausforderung – sogar in neu errichteten Wohn- und Bürogebäuden, Hotels, Kliniken, Altersheimen, Thermalbädern und Wellness-Einrichtungen.

Nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen europäischen Ländern sind nach Erhebungen des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) in den letzten Jahren die Infektionszahlen aufgrund von Legionellen gestiegen. Der Schutz des Trinkwassers ist ein äußerst wichtiges Thema, denn hierbei geht es um die Gesundheit und Lebensqualität der Menschen. Daher gilt es bereits bei der Planung von Installationen, die entsprechenden Vorgaben umzusetzen und im Betrieb die Anlage als Ganzes im Blick zu behalten und genau zu kontrollieren – das verhindert hohe Folgekosten. Denn nur durch die richtigen Maßnahmen kann eine übermäßige Vermehrung von Bakterien wie Legionellen und Pseudomonaden vermieden werden.

Bild 1: Vorgegebene Maßnahmen zur Verminderung des Legionellenwachstums nach DVGW-Arbeitsblatt W 551.
Quelle: DVGW
Bild 1: Vorgegebene Maßnahmen zur Verminderung des Legionellenwachstums nach DVGW-Arbeitsblatt W 551.

Einer, der sich täglich damit beschäftigt, ist René Habers, Leiter Marketing und Presales bei GF Piping Systems Deutschland. Im Interview erzählt der gelernte Installateur und diplomierte Ingenieur der Versorgungstechnik von den wachsenden Herausforderungen, aber auch Chancen bei der Installationstechnik im Hinblick auf Energieeffizienz und Trinkwasserhygiene.

Welche Herausforderungen lauern bei der Sicherstellung der Trinkwasserhygiene in Installationen?

„Trinkwasser enthält von Natur aus viele Mikroorganismen. Problematisch wird es jedoch erst, wenn sich diese in den Installationen stark vermehren und es zu hohen Konzentrationen kommt. In vielen Fällen werden diese erst erkannt, wenn ein Teil der Trinkwasser-Installation bereits betroffen ist. Schuld daran sind oft die zu großen Mengen an Inhaltsstoffen im Wasser sowie ungünstige Betriebsbedingungen. Grundsätzlich muss also eine übermäßige Vermehrung von Bakterien gestoppt werden (Abbildung 1). Dabei sind drei Faktoren für das Wachstum entscheidend: Nährstoffe, Temperatur und Zeit.

Viele Wasserverteilungssysteme bergen Risiken, etwa in Bezug auf die Länge, den Verzweigungsgrad, etwaige Stagnationsbereiche in Form von Totleitungen, den nicht korrekten hydraulischen Abgleich der Zirkulationsleitung sowie Trinkwassertemperaturen zwischen 25 und 55 Grad Celsius (Abbildung 2). Diese Faktoren können die Wasserqualität stark beeinträchtigen. Bei herkömmlichen Installationssystemen besteht die Herausforderung darin, dass die Verteilung der Warmwassermengen im gesamten Leitungsnetz mit einem hohen Berechnungsaufwand verbunden und hy­draulisch schwer nachvollziehbar ist. Insgesamt betrachtet ist es also eine große Aufgabe, das Bakterienwachstum im Trink­­wasser durch eine einwandfrei funk­tionierende Installation auf ein Minimum zu reduzieren sowie dabei gleichzeitig einen energieeffizienten Betrieb sicherzustellen. Eine große Chance bietet dabei die Digitalisierung, denn sie liefert uns die technischen Möglichkeiten dazu. Doch eigentlich fängt wirksamer Trinkwasserschutz schon vor dem Einbau und Betrieb an, nämlich bereits bei der Planung.“

Bild 2: Ohne zuverlässigen hydraulischen Abgleich nehmen mikrobiologische Belastungen wie Bakterien, Viren, Pilze und Sporen im Trinkwasser-Installationssystem zu und gefährden die Gesundheit der Bewohner.
Quelle: GF Piping Systems
Bild 2: Ohne zuverlässigen hydraulischen Abgleich nehmen mikrobiologische Belastungen wie Bakterien, Viren, Pilze und Sporen im Trinkwasser-Installationssystem zu und gefährden die Gesundheit der Bewohner.

Welche Faktoren müssen konkret bei Planung, Einbau und Betrieb der Trinkwasser-Installation beachtet werden?

„Entscheidende Parameter für hygienisch einwandfreies Trinkwasser sind die passende Materialauswahl, bedarfsgerechte Dimensionierung von Leitungen und der Warmwasserbereitung, korrekte Dämmung der Rohrleitungen, hygienische Temperaturniveaus sowie die richtige Betriebsweise. Eine optimale Anlagenplanung sieht möglichst klein dimensionierte Rohrleitungssysteme vor, die mit strömungsgünstigen Bauteilen und mit geringen Wassermengen in den Rohrleitungen arbeiten. Nur wenn die Installation verbrauchsorientiert geplant und installiert wird, zum Beispiel als Ringleitungen, werden die Rohrleitungen und sämtliche Zapfstellen im Idealfall regelmäßig durchspült und somit Stagnationen sowie möglicher Bakterienwachstum langfristig vermieden. Für die Planung und den Betrieb von Trinkwasser-Installationen haben namhafte Vereine und Verbände wie der Verein Deutscher Ingenieure (VDI), der DVGW, aber auch der BTGA und der ZVSHK, gemeinsam eine Reihe an Regelwerken erstellt, um Planern und Ausführenden mehr Sicherheit bei der Planung von Trinkwassernetzen im Gebäude zu geben. Die Richtlinienwerke VDI/DVGW 6023 ‚Hygiene in Trinkwasser-Installationen‘ geben dabei folgende Rahmenbedingungen vor:

  • Wahl der Werkstoffe,

  • Einsatz von Produkten mit anerkannten Prüfzeichen,

  • Ring- oder Reihenleitungssystem unter Berücksichtigung des Nutzerverhaltens planen,

  • maximal möglichen Abstand von Trinkwasserleitungen (kalt) zu Wärmequellen planen,

  • in Schächten und abgehängten Decken für ausreichende Dämmung der Trinkwasserleitungen sorgen,

  • Solltemperatur über mindestens 55 °C in der Trinkwassererwärmung und -verteilung sicherstellen,

  • hydraulischen und thermischen Abgleich im Zirkulationssystem gewährleisten,

  • in öffentlichen Gebäuden und größeren Wohngebäuden Probeentnahmeventile vorsehen,

  • automatische Spüleinrichtungen in Anlagen, die über einen längeren Zeitraum nicht genutzt werden (Schulen, Turnhallen, Kindergärten und Kitas während der Schulferien, Ferienhäuser und Hotels in der Nebensaison, Krankenhäuser) vorsehen,

  • Totstränge von bestehenden Anlagen abtrennen und zurückbauen."

Besonders bei weitläufigen Immobilien mit Warmwasser-Verteilsystemen oder großen Liegenschaften mit unregelmäßigem Wasserverbrauch sind inzwischen auch Betreiber/Eigentümer bei der Sicherstellung der Trinkwasserhygiene mehr gefordert.
Quelle: GF Piping Systems
Bild 3: Besonders bei weitläufigen Immobilien mit Warmwasser-Verteilsystemen oder großen Liegenschaften mit unregelmäßigem Wasserverbrauch sind inzwischen auch Betreiber/Eigentümer bei der Sicherstellung der Trinkwasserhygiene mehr gefordert.

Freitag, 03.04.2020

Von René Habers
Leiter Marketing und Presales, GF-Piping Systems Deutschland