Diarrhö refilled – manche Ideen gehen direkt durch

Mit dem unglaublichen Wortwitz „Sie ist in aller Munde“ (*lol und wegschmeiß*) bewirbt die Nachhaltigkeitsinitiative Blue Responsibility die Aktion Refill. Dahinter steckt die Idee, in teilnehmenden Läden oder bei Privatleuten die selber mitgebrachte Trinkflasche kostenlos mit Wasser zu befüllen, um Plastikmüll zu vermeiden.

Das Bild zeigt einen Menschen mit Glas und Tonkrug in der Hand.
Quelle: epr/www.bad-brueckenau.de
Reich an Kalzium und kerngesund – so kann man gesundes „Refill“ ohne Reue genießen: Seit 1906 sprudelt aus der „Siebener Quelle“ Heilwasser. Wie „heil“ hingegen das Wasser aus den nicht trinkwasser-hygienisch überwachten "Refill" - Quellen ist, darüber mag man nicht wirklich nachdenken…

Das ist im Prinzip eine tolle Sache. Denn was tagtäglich über die Unsitte, ständig und überall an einer PET-Flasche nuckeln zu müssen, an Müll produziert wird, ist unglaublich: Pro Stunde wandern hierzulande zwei Millionen Einweg-Plastikflaschen in die Tonne, berichtet der Focus. Zwei Millionen, pro Stunde! Echt unglaublich.

Dagegen kann und muss man etwas tun. Das steht außer Zweifel. Ob allerdings der Ansatz richtig ist, kostenlos bei Krethi und Plethi Wasser zu zapfen, das sei mal dahingestellt. Denn bei allem Wohlwollen der Idee gegenüber: Entlang der Trinkwasserverordnung (TrinkwV) hangeln wir uns begründeter Weise seit Jahren von einer Ausführungsbestimmung und Festlegung zur nächsten, um den Erhalt der Trinkwassergüte zu gewährleisten. Punkt für Punkt werden Werkstoffe und Beprobungen, bestimmungsgemäßer Betrieb und alle möglichen weiteren eventuellen Beeinflussungsfaktoren rund um das „Lebensmittel Nr. 1“ durchdekliniert – und jetzt soll künftig jeder seine olle Alu-Trinkflasche über den Tresen reichen und heute mal im Nobelrestaurant, morgen im Blumenladen und übermorgen bei Onkel Willi in der Gartenhütte auffüllen?

Da freut sich aber die Darmflora, und dann der Hygieniker – oder umgekehrt. Stichwort: retrograde Kontamination….

Was auch nicht dadurch besser wird, dass beispielsweise die Berliner Wasserbetriebe das Projekt unterstützen. „Besser, frischer und bequemer kann man es (Anm. d. Red.: das Trinkwasser) gar nicht kriegen“, sagt von denen eine Unternehmenssprecherin gegenüber Radio Berlin-Brandenburg. Doch der Einwand sei erlaubt: Als Versorger könnt ihr zwar die Wassergüte bis zum Hausanschluss bedingt gewährleisten, aber keinen einzigen Zentimeter weiter! Was dahinter mit eurem (übrigens nicht immer ganz so feinen) Wasser passiert, ist für euch nichts weiter als eine black-box! Da ist es schon ganz schön mutig, sich derart weit aus dem Fenster zu lehnen.

Oder sind wir von der Fachschiene vielleicht einfach nur zu verkopft, zu wenig einlassungsbereit? Der Eindruck drängt sich auf, wenn man ein weiteres fachfrauliche Statement zur Wassergüte liest, diesmal aus Hamburg. Sie weiß nämlich: Da ist das Trinkwasser „immerhin von sehr guter Qualität und … enthält weder Blei noch Kupfer.“ Toll, kein Blei. Sagt die Initiativenfrau. Nirgendwo Blei. In ganz Hamburg nicht?! Und „kein Kupfer“, weiß sie auch. Kein Kupfer? Natürlich gibt es in der TrinkwV für Kupfer aus gutem Grund den Grenzwert von 2,0 mg/l; als ein chemischer Parameter, dessen Konzentration im Verteilungsnetz einschließlich der Trinkwasser-Installation möglicherweise ansteigen kann. Aber in Hamburg, da gibt es eben gar kein Kupfer im Trinkwasser.

Whoww. Ist das nicht toll? Zwar absolut sachkenntnis-frei, aber toll. Und hört sich auch irgendwie gut an, wenn man sich gerade für so eine Initiative einsetzt. Da kann man sich eben nicht um alles kümmern; schon gar nicht um derart banale Details… Nur wenn die kleine Jaqueline und ihr Freund Aaron-Kevin mit Dauerdiarrhö im Universitätsklinikum in Eppendorf liegen, dann brennt auf einmal der Baum – und es wird wieder ganz schnell nach neuen Vorschriften und viiiiel mehr Kontrolle gerufen.

Womit man die eigentlich gute Idee auch sofort wieder tot bekommt…

Mittwoch, 23.08.2017

Eckhard Martin
Von Eckhard Martin
Chefredaktion SanitärJournal