Das Wort – tatsächlich immer noch die Hieroglyphe des Geistes

Sprache ist entlarvend. Ein hervorragendes Beispiel dafür, und für die Denkweise einer behördengesteuerten Verwaltungsdemokratie, lieferte jetzt Bau-Staatssekretärin Anne Katrin Bohle in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“.

Thema sind die explodierenden Baukosten, hier: „immer neue Bautechniken und Materialien, die … dann zur Norm werden.“ In der Folge spitzt der Welt-Kollege konkret auf den Brandschutz zu, verweist auf Unternehmen, die „sagen, sie könnten nicht mehr bauen, vor allem im Bestand.“

Jetzt kraft ihres Amtes tatsächlich einmal den Anker zu werfen und den Normen-Dschungel perspektivisch einzudämmen, ist für die Bau-Staatssekretärin aber keine Option. Mit einem eher schlichten rhetorischen Trick - der rhetorischen Gegenfrage - zieht sie stattdessen das Buzz-Word „Innovation aus der Tasche: „Soll ich denn jetzt diejenige sein, die sagt: Wir entwickeln Technik und Brandschutz nur bis zu dieser oder jener Innovationsstufe?“ DAS ist wirklich geschickt: Wer innovativ sein will (und wer will das nicht?), der muss eben auch mit mehr Normen leben. Vor allem, wenn man daraus noch wirtschaftliche Vorteile ziehen könne, wie die Bau-Staats-Sekretärin weiter argumentiert: „Am Ende ist Innovation auch immer günstiger geworden. Beispiel: Smartphones.“

Aha, beziehungsweise „ähemm“, Frau Bau-Staatssekretärin: Geht da nicht gerade irgendwas ganz grundlegend durcheinander? Bei den angeblichen „Innovationen“ genauso wie bei der Wirtschaftlichkeit, die ja eigentlich was mit Kostenvorteilen über die Skaleneffekte der Massenproduktion und so zu tun hat? Oder beziehen Sie diesen betriebswirtschaftlichen Erstsemester-Grundlehrstoff auf die anerkanntermaßen baukostentreibenden Normen? Also nach dem Motto: Je mehr Brandschutz, umso billiger werden die zugehörigen Regelwerke, weil wir ja dann immer mehr davon brauchen? Ein Mirakel der Schlussfolgerungen, das sich hier auftut…

Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass Normen generell rückwärtsgerichtet sind. Was aktuell „normiert“ wird, mag vielleicht Stand der Technik sein, ist aber sicherlich nicht Stand der Wissenschaft und Technik, schon gar nicht Stand der Wissenschaft und Forschung. Nur so viel zum Stichwort „Innovation“…

Insofern scheint es mit diesem wichtigen Bau-Thema unter Bau-Staatssekretärin Anne Katrin Bohle genauso weiter zu gehen, wie wir es schon seit Jahren gewohnt sind: Am Länderpluralismus mit seinen einzelnen Bauordnungen und an der Regelungswut mit der dahinter stehenden, überorganisierten Behördenstruktur verbrennt sich keiner die Finger. Und frei nach einem alten Indianersprichwort wird deswegen künftig jeder Azubi im ersten Lehrjahr lernen:

Erst wenn die letzte Schraube normiert, die letzte Wanddurchführung vom TÜV abgenommen und der letzte von 120 Zentimetern Fassadendämmung auf seine Wirksamkeit laborgeprüft ist, werdet Ihr feststellen, dass man ohne Sachverständigen an der Seite auf dem Bau noch nicht mal mehr einen Nagel für den Pin-up-Kalender in die Wand schlagen kann!

Gerade beim Brandschutz muss möglichst alles normiert sein – selbst wenn man am Ende vielleicht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sind, angesichts der Schilder- und Farbvielfalt. Aber dann hat wenigstens alles seine Ordnung…
Quelle: Eckhard Martin
Gerade beim Brandschutz muss möglichst alles normiert sein – selbst wenn man am Ende vielleicht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sind, angesichts der Schilder- und Farbvielfalt. Aber dann hat wenigstens alles seine Ordnung…

Montag, 06.05.2019

Von Eckhard Martin
Chefredaktion SanitärJournal